Kultur & Heimat · 20. Oktober 2026

Telgter Krippenkunst zwischen Tradition und Aufbruch

Die 86. Krippenkunst-Ausstellung im RELíGIO-Museum lädt vom 7. November 2026 bis zum 24. Januar 2027 ein. Das diesjährige Thema „Aufbruch“ verbindet die Weihnachtsgeschichte mit Erfahrungen unserer Gegenwart – und führt eine Telgter Tradition fort, die 1934 begann.

Installation Aufbrechen von Simone Thieringer mit kleinen Figuren auf Granitpflastersteinen
„Aufbrechen“ (2026), Installation mit 71 Granitpflastersteinen und kleinen menschlichen Figuren. Simone Thieringer, Telgte.

Wenn am Samstag, 7. November 2026, die 86. Telgter Krippenkunst-Ausstellung eröffnet wird, steht im RELíGIO-Museum erneut die Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt. Doch die diesjährige Ausstellung möchte mehr zeigen als die vertrauten Bilder von Maria, Josef und dem Jesuskind. Unter dem Titel „Aufbruch“ richtet sie den Blick auf Menschen, die ihre gewohnte Umgebung verlassen, sich Veränderungen stellen oder auf einen Neuanfang hoffen.

Die Ausstellung wird um 15 Uhr in der Propsteikirche St. Clemens eröffnet. Der Gospelchor St. Marien unter Leitung von Stephan Hinssen gestaltet den Auftakt musikalisch. Anschließend können Besucherinnen und Besucher die Ausstellung im Museum besichtigen. Der Eintritt zur Eröffnung ist frei.

Wenn die Weihnachtsgeschichte neue Perspektiven eröffnet

Das Motiv des Aufbruchs begegnet in der Weihnachtsgeschichte an vielen Stellen. Maria und Josef reisen nach Bethlehem. Hirten und Sterndeuter machen sich auf den Weg zur Krippe. Nach der Geburt wird die Heilige Familie schließlich zur Flucht nach Ägypten gezwungen. Die Wege beginnen aus ganz unterschiedlichen Gründen: aus Hoffnung, aus Neugier oder aus der Not heraus, Schutz zu suchen.

Gerade diese Spannweite greift das Museum mit dem diesjährigen Leitthema auf. Ein Aufbruch kann befreiend sein und neue Möglichkeiten eröffnen. Er kann aber auch bedeuten, Vertrautes zurücklassen zu müssen, ohne zu wissen, was kommt. Die Künstlerinnen und Künstler übertragen diese Erfahrungen in Figurenkrippen, Installationen, Gemälde und ungewöhnliche zeitgenössische Darstellungen.

Simone Thieringer zeigt Wege ins Ungewisse

Besonders eindrücklich wird das Thema in der Installation „Aufbrechen“ der Telgter Künstlerin Simone Thieringer. Die 2026 entstandene Arbeit besteht laut offizieller Bildbeschreibung des Museums aus einer Trägerplatte mit 71 Granitpflastersteinen und kleinen menschlichen Figuren.

Die Heilige Familie steht auf einem vergoldeten Stein. Die anderen Figuren verteilen sich über die dunklen Pflastersteine. Das Werk stellt den Schritt von einem geschützten Ausgangspunkt in eine offene, ungewisse Welt dar. Unterschiedliche Haltungen und Wege der Figuren laden dazu ein, über eigene Veränderungen und Entscheidungen nachzudenken. Aufbruch erscheint dabei zugleich als Wagnis und als Chance.

Traditionelle Holzbildhauerei mit eigener Handschrift

Figurenkrippe Ich küsse dein Herz der Holzbildhauerin Marion Jochner
„Ich küsse dein Herz“ (2026), Figurenkrippe aus Lindenholz, geschnitzt und lasiert oder gefasst. Figuren 16 cm, Kulisse ca. 24 × 80 cm. Marion Jochner, Oberammergau.

Einen anderen Zugang zeigt die Oberammergauer Holzbildhauerin Marion Jochner mit ihrer Figurenkrippe „Ich küsse dein Herz“. Die 2026 entstandene Arbeit besteht aus geschnitztem Lindenholz; die Figuren sind lasiert oder farbig gefasst. Sie sind etwa 16 Zentimeter hoch, die Kulisse misst rund 24 × 80 Zentimeter.

Die sorgfältig gestalteten Figuren greifen eine traditionelle handwerkliche Form auf, die auch für heutige Künstlerinnen und Künstler Raum für eigene Ausdrucksweisen bietet. So stehen in der Ausstellung vertraute Krippenmotive neben Arbeiten, die bewusst neue Sichtweisen eröffnen.

Flucht und Migration als Gegenwartsthemen

Der Telgter Künstler Christian Nachtigäller verbindet mit seinem Werk „Beidseitig“ die biblische Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten mit Migrationserfahrungen in unserer heutigen Zeit. Der Aufbruch ist hier keine unbeschwerte Reise, sondern Folge von Gefahr und Unsicherheit. Die Arbeit schlägt damit eine Brücke zwischen einer alten Erzählung und Fragen, die Menschen auch gegenwärtig beschäftigen.

Auch andere ausgestellte Arbeiten zeigen die Bandbreite des Themas. Die Schülerin Klara Unnewehr setzt sich in ihrem Gemälde „Aufbruch nach Bethlehem“ mit dem Weg und der Herbergssuche von Maria und Josef auseinander. Matthias Weber verlegt die Weihnachtsgeschichte in einer Papierkrippe sogar auf einen fremden Planeten. Eine Krippe der ukrainischen Künstlerin Olya Kravchenko gehört ebenfalls zur Ausstellung. So entsteht ein Nebeneinander von vertrauten Formen und überraschenden Ideen.

Eine Telgter Tradition, die 1934 begann

So gegenwärtig das Ausstellungsthema ist, so weit reicht die Geschichte der Telgter Krippenkunst zurück. Im Jahr 1934 gründete Paul Engelmeier das damalige Wallfahrts- und Heimatmuseum. Bereits im Gründungsjahr wurden dort zeitgenössische Weihnachtskrippen gezeigt. Aus den frühen Präsentationen entwickelte sich über Jahrzehnte eine wiederkehrende Ausstellungstradition.

Für viele Menschen aus Telgte ist der Besuch einer Krippenausstellung deshalb mehr als ein Museumsbesuch. Er kann auch Erinnerungen an frühere Adventszeiten und an das alte Heimathaus wecken. Das Museum selbst hat sich während dieser Jahrzehnte baulich und inhaltlich stark verändert.

Das Heimathaus Münsterland in historischen Fotografien

Historische Außenaufnahme des Heimathauses Münsterland mit dem Erweiterungsbau von Dominikus Böhm
Heimathaus Münsterland mit dem Erweiterungsbau von Dominikus Böhm (Bauzeit 1937).

Die vom RELíGIO-Museum bereitgestellten historischen Fotografien zeigen, wie sich das frühere Heimathaus Münsterland präsentierte. Eine Außenaufnahme dokumentiert das Gebäude mit dem Erweiterungsbau von Dominikus Böhm aus dem Jahr 1937. Sie macht sichtbar, dass die Geschichte des Museums auch mit der baulichen Entwicklung Telgtes verbunden ist.

Historischer Museumsinnenraum mit Holzbalken, Fachwerkwänden und getrennten Handwerksstuben
Das historische „Handwerksgängsken“ mit der Trennung der Handwerksstuben.

Eine Innenaufnahme zeigt das sogenannte Handwerksgängsken mit den getrennten Handwerksstuben. Holzbalken, Fachwerkwände und die damalige Raumgestaltung vermitteln einen Eindruck davon, wie das Museum früher seine Sammlungen präsentierte. Die Bilder sind keine bloße Illustration: Sie geben der Geschichte des Hauses ein konkretes Gesicht und zeigen den Wandel von der heimatkundlichen Präsentation zum heutigen Museum.

Vom Heimathaus zum Museum RELíGIO

Ein organisatorischer Schritt erfolgte 1974 mit der Überführung des Museums in eine GmbH. 1994 wurde ein eigenes Krippenmuseum eröffnet; das Gebäude entwarf der Architekt Josef Paul Kleihues. Damit erhielt die Krippenkunst einen eigenen musealen Rahmen.

Mit der Neukonzeption im Jahr 2012 erhielt das Haus den Namen RELíGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur. Die Beschäftigung mit religiöser Kultur wurde thematisch und regional erweitert. Die Krippenkunst-Ausstellung blieb dennoch ein wichtiger Bestandteil des Jahresprogramms. Ihre Kontinuität zeigt, wie das Museum Traditionen bewahren und zugleich neue Fragen aufgreifen kann.

Warum die Krippenkunst lebendig bleibt

Die 86. Ausstellung zeigt, dass Krippenkunst weit mehr sein kann als die Wiederholung einer vertrauten Szene. Traditionelle Schnitzkunst, moderne Installationen und gesellschaftliche Deutungen treten miteinander in einen Dialog. Das diesjährige Thema „Aufbruch“ macht diesen Gedanken besonders anschaulich: Die Weihnachtsgeschichte erzählt von Menschen unterwegs – und von Erfahrungen, die über ihre Entstehungszeit hinaus Bedeutung behalten.

So bietet ein Besuch Gelegenheit, besondere Kunstwerke zu entdecken und zugleich ein Stück Telgter Kulturgeschichte kennenzulernen. Von den ersten Präsentationen im Jahr 1934 bis zur heutigen Ausstellung im RELíGIO ist vieles anders geworden. Die Auseinandersetzung mit der Weihnachtsgeschichte und ihrer künstlerischen Darstellung verbindet die Jahrzehnte.

Quellen und Bildnachweise

Grundlage dieses redaktionellen Beitrags sind die offizielle Ausstellungsinformation des RELíGIO-Museums, dessen Museumsgeschichte und die direkte Rückmeldung von Dr. Simone Müller vom 20. Oktober 2026 mit korrigiertem Vorentwurf und Pressebildern. Bildnachweise: Sämtliche vier Abbildungen wurden unserer Redaktion vom RELíGIO-Museum Telgte zur Verwendung zur Verfügung gestellt. Abgebildet sind die Werke „Aufbrechen“ (Simone Thieringer) und „Ich küsse dein Herz“ (Marion Jochner) sowie historische Aufnahmen des Heimathauses Münsterland und des „Handwerksgängskens“. Die Aufnahmedaten der historischen Fotografien sind nicht abschließend belegt.

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