
Am 16. Oktober 2027 wäre Günter Grass 100 Jahre alt geworden. Für Telgte ist dieses Jubiläum mehr als ein Anlass, an einen berühmten Schriftsteller zu erinnern: Grass gab der Stadt mit seiner 1979 erschienenen Erzählung Das Treffen in Telgte einen Platz in der Literaturgeschichte. Und er kam selbst nach Telgte. Das zeigen Auskünfte aus seinem Umfeld und neu gesichtete historische Unterlagen.
1647 in Telgte – ein Treffen, das Grass erfand
In seiner Erzählung lässt Grass deutschsprachige Dichter im Jahr 1647, gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, in Telgte zusammenkommen. Sie lesen, streiten und diskutieren über Sprache, Literatur und ihre Verantwortung in einer Zeit der Zerstörung. Das geschilderte Treffen ist literarische Fiktion – kein historisch nachgewiesenes Ereignis in Telgte.
Das Vorbild für die Form des Dichtertreffens liegt in der Nachkriegszeit: der Gruppe 47, deren Initiator Hans Werner Richter war. Auch Grass nahm an ihren Zusammenkünften teil. Er widmete Das Treffen in Telgte Richter zu dessen 70. Geburtstag. Im fiktiven Treffen der Barockdichter spiegelt sich damit eine Debattenkultur des 20. Jahrhunderts.
Grass war tatsächlich in Telgte
Das Günter Grass-Haus in Lübeck und Hilke Ohsoling, die lange mit Grass zusammenarbeitete, bestätigten auf unsere redaktionellen Anfragen persönliche Besuche des Schriftstellers in Telgte. Grass recherchierte im Münsterland; auch gemeinsam mit seiner Frau Ute hielt er sich in Telgte auf. Exakte Daten und Abläufe aller Besuche sind damit jedoch noch nicht vollständig belegt.
Vorsicht ist auch bei autobiografisch gefärbten literarischen Erinnerungen geboten. In Die Box tauchen Telgter Schauplätze auf; das Werk verbindet reale Hintergründe mit erfundenen Elementen. Laut Hilke Ohsoling fotografierte Grass dabei nicht selbst. Die im Buch erzählte fotografische Perspektive darf daher nicht als Beleg für tatsächlich von ihm aufgenommene Telgte-Fotos verstanden werden.
Der „Wilde Mann“ und die Frage nach dem „Brückenhof“

Ein historisches Foto aus dem Kreisarchiv zeigt die Telgter Gaststätte „Im Wilden Mann“ im Jahr 1970. Für unsere Recherche ist das Gebäude besonders interessant, weil wir der Frage nachgehen, ob es für den literarischen „Brückenhof“ eine Rolle gespielt haben könnte. Ein gesicherter Nachweis dafür liegt bislang nicht vor. Die Fotografie dokumentiert zunächst das historische Telgte – nicht automatisch die Vorlage für einen erfundenen Schauplatz.
9. Juni 1979: Eine Lesung im Erscheinungsjahr
Ein Veranstaltungsplakat aus dem Kreisarchiv kündigt für den 9. Juni 1979 um 19.30 Uhr eine Lesung von Günter Grass aus Das Treffen in Telgte im Schul- und Kulturzentrum an. Der angekündigte Eintritt betrug fünf D-Mark, ermäßigt vier D-Mark. Das Dokument ist ein bemerkenswerter zeitgenössischer Beleg: Noch im Erscheinungsjahr des Buches war eine Begegnung des Autors mit dem Telgter Publikum vorgesehen.
Ein Plakat belegt die Ankündigung einer Veranstaltung. Ob und wie die Lesung tatsächlich stattfand, möchten wir möglichst noch mit einem damaligen Zeitungsbericht dokumentieren.
1988: Grass und das erste „Treffen in Telgte“-Symposium

Ein weiteres Plakat kündigt eine Lesung am 28. August 1988 um 20 Uhr im Schulzentrum an. Unabhängig von diesem Fund bestätigte das Günter Grass-Haus, dass der Schriftsteller 1988 am ersten „Treffen in Telgte“-Symposium teilnahm. Damit lässt sich die Verbindung zwischen Buch und Stadt nicht nur literarisch, sondern auch im örtlichen Kulturleben nachvollziehen.
1993: Literatur und bildende Kunst

Für den 26. November 1993 um 20 Uhr kündigt ein drittes Plakat eine Lesung im Bürgerhaus an. Daneben verweist es auf eine Ausstellung von 34 Radierungen von Günter Grass im Rathausfoyer, angekündigt für den Zeitraum vom 29. November 1993 bis zum 7. Januar 1994. Grass war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Zeichner, Grafiker und Bildhauer. Das Telgter Programm nahm beide Seiten seines Schaffens in den Blick.
Ein Verlagsplakat erklärt die literarische Idee

Ein weiteres im Kreisarchiv erhaltenes Verlagsplakat stellt den Zusammenhang zwischen dem fiktiven Barockdichtertreffen und der Gruppe 47 heraus. Es hilft, den Kern der Erzählung zu verstehen: Grass schrieb keine Rekonstruktion einer Telgter Versammlung von 1647, sondern ein literarisches Gedankenexperiment über Autoren, ihre Sprache und ihre Zeit.
Auch im heutigen Telgte ist die Verbindung zu Günter Grass sichtbar: An der nach ihm benannten Brücke greift eine großflächige Wandgestaltung mit Feder-Motiven und dem Schriftzug „Treffen in Telgte“ sein literarisches Werk auf. So wird aus einer Erzählung von 1979 ein sichtbares Stück Stadtgeschichte.

Günter Grass im Telgter Stadtbild
2027: Ein internationales Jubiläumsjahr
Zum 100. Geburtstag am 16. Oktober 2027 plant das Günter Grass-Haus in Lübeck ein internationales Jubiläumsjahr. Laut seiner Pressemitteilung vom 17. September 2026 soll am 17. April 2027 eine neue multimediale Dauerausstellung eröffnen. Dazu kommen rund 800 Objekte aus Grass’ Werkstatt sowie die erstmals öffentlich präsentierte, mehr als 4.000 Bände umfassende persönliche Bibliothek. Höhepunkt in Lübeck soll die „Grass-Nacht“ am Geburtstag selbst sein.
Auch in Danzig und an weiteren Orten sind Veranstaltungen vorgesehen. Eine eigene Jubiläumsveranstaltung in Telgte ist bisher nicht bestätigt. Gerade deshalb ist das Jubiläum ein guter Anlass, die örtlichen Spuren des Autors anhand von Dokumenten neu zu betrachten. Das Programm wird unter grass100.de vorgestellt.
Was die Quellen zeigen – und was noch offen ist
Die nun vorliegenden Plakate belegen konkrete Ankündigungen aus den Jahren 1979, 1988 und 1993; das Foto von 1970 dokumentiert einen historischen Telgter Ort. Die Auskünfte aus Lübeck und aus dem Umfeld von Grass bestätigen seine persönliche Verbindung zur Stadt. Weiterhin offen bleiben einzelne Besuchsdaten, die tatsächlichen Abläufe der angekündigten Lesungen und die Frage nach dem Vorbild des literarischen „Brückenhofs“. Hier könnten historische Zeitungsberichte und weitere Archivfunde helfen.
Unser Dank gilt Frank Schirrmacher vom Kreisarchiv Warendorf für die Bereitstellung der historischen Unterlagen sowie dem Günter Grass-Haus Lübeck und Hilke Ohsoling für ihre Auskünfte. Die Verwendung der fünf Kreisarchiv-Abbildungen erfolgt auf Grundlage der Freigabe vom 30. Oktober 2026 unter Nennung der Bezugsquelle.
Quellen und weiterführende Hinweise
Kreisarchiv Warendorf: historische Fotografie „Im Wilden Mann“ (1970) und vier Plakate; Auskunft Frank Schirrmacher, 30.10.2026. Günter Grass-Haus Lübeck: redaktionelle Auskunft Britta Dittmann, 23.10.2026, sowie Pressemitteilung „100 Jahre Günter Grass: Das internationale Jubiläumsjahr 2027“, 17.09.2026. Hilke Ohsoling: redaktionelle Auskunft vom 26.10.2026. Weitere Informationen: grass100.de.
